Heute genau sind es zwei Monate, die die Pinscherin nun hier ist. Und der Schnee ist gekommen. Ich muss Lösungen finden, damit die kleine Rakete sich ohne Leine in einem abrufbaren Radius frei bewegen kann, während ich mit anderen Dingen beschäftigt bin und sie ergo nicht ständig in wenigstens einem Auge behalten kann. Ich fahre definitiv nicht Fahrrad im Schnee! Ich fahre auch nicht die ersten oder letzten 2 Kilometer Tagestour alternativ zur gesalzenen Landstraße über zugeschneite, vereiste Feldwege! Die beiden zeiteffektivsten Temporausch-Befriedigungsmöglichkeiten sind raus.

Nachdem sie allein spazieren war habe ich erst mal wieder vehementer für Leine plädiert. Zumindest Psycho-Leine. Auch wenn das natürlich totaler Quatsch ist. Sinnvoller wäre gewesen, mehr ohne Leine zu üben, denn das ist ja die Versuchung. Mit Leine funktioniert sie auch an langweiligen Tagen super.

Schön, dass sie auf dem Weg nach Hause war, als ich sie aufgabelte, sicher. Ich mache mir ja aber auch längst keine ernsthaften Sorgen mehr, sie wirklich zu verlieren. Sonst bliebe die Leine einfach dran, fertig.

Es macht aber eben nicht nur mental einen enormen Unterschied, ob man mit Leinenzipfel unterwegs ist, der einem schließlich ständig um die Beine baumelt, einem den Karabiner ans Buggelenk drückt (oder am Rumpf zwackt) und der schwer wird, wenn er nass und verschneit ist, mit dem man hängen bleibt und auf den jeder Trottel (ob zwei- oder vierbeinig) auch gern versehentlich tritt...oder ob man nackt und frei, wie Gott einen erschuf, durchs Gelände wetzen kann (sie bleibt echt zuverlässig am Weg und biegt nicht einfach auf Felder ab). Ich habe schon daran gedacht, ihr eine superkurze Psycho-Leine aus einem Stück Wäscheleine zu basteln für die matschige Jahreszeit. Leichter zu tragen und leichter zu reinigen…

Wir haben stattdessen ein anderes Experiment gestartet. Was wir in der Stadt schon ausprobiert hatten, sollte nun hier geübt werden, mit entsprechendem Equipment. Der Packhund. Oder: Abrufbares Hundepack?

Dante war der Job schon in der Stadt zu viel der Bürde, also musste hier Ennio den Versuchsprobanden machen. Sollte ja diesmal möglichst für den Großen keine Strafe sein.

Er bekam nun einen Packsattel in Form eines „Ich war‘s nicht!“- Monster-Geschirrs umgeschnallt und die Pinscherin an eine leichte Leine dran gebunden. Das klappte bei der Stallarbeit ganz prima. Ennio stand zwar erst etwas bedröppelt herum und wusste nicht so recht, was dieses Bündel an ihm da nun genau soll und die Pinscherin war not amused, weil sie nicht mehr bei mir bleiben konnte, sondern an den Herrn Ennio gefesselt war, doch ich hatte die Hände, Füße & Augen frei und konnte mich darauf verlassen, nach dem Aufschauen alle Hunde in der Nähe zu wissen. Anschließend sind wir ausgeritten. Nach den ersten paar hundert Metern musste ich die Pinscherin allerdings befreien: draußen war Ennio dann doch zu ungestüm für solch ein Experiment und die Pinscherin hatte große Mühe ihm zu folgen, wenn er erst hierhin, dann dorthin unterwegs war und ein deutlich verständnisloserer Leinenpartner als ich.

Einen tollen (und ehrlich gesagt überraschenden) Nebeneffekt hat diese Schnapsidee allerdings gehabt: die Pinscherin wollte jetzt am liebsten nur noch ganz in nächster Nähe bei mir sein. Sie lief den restlichen Ausritt über mit ihrer Psycho-Leine quasi bei Fuß (und sie tut das konsequent rechts, auch wenn da das Handpferd läuft).

Mir ist vergleichsweise richtig angenehm, überschaubar und leicht zu folgen? Sie ist jedenfalls spürbar konzentrierter und das hat sich seither gehalten, sodass ich diesen Umstand nutze und nun tatsächlich vermehrt die Leine ganz weg lasse. Das funktioniert ausgesprochen gut und komplikationslos, auch wenn ich mir ihren wahren Grund für diesen Konzentrationsschub nicht erklären kann (und ich will nicht zu laut loben!). Jetzt kann sie mich auch auf den unspektakulären, aber bedeutenden Wegen begleiten. Die spontanen und eigentlich nebensächlichen, für die man keinen Hund erst an-, dann wieder ableint, die aber in ihrer Summe wichtige Alltagsfreude bescheren. Die Küchenabfälle zum Misthaufen bringen. Einen Korb Holz holen. Das Fleisch für die nächsten 2 Tage aus dem Tiefkühlschrank im Stall besorgen. Nochmal schnell zum Auto gehen um etwas Vergessenes rein zu tragen.

Bei all diesen Gelegenheiten kann man ein paar Streckenmeter sammeln, eine Nase voll aktueller Information erhaschen, einzwei Marker setzen. Es sind aber auch die besten Gelegenheiten, zu denen sich eine schnelle Extrarunde anböte, falls man befindet, der bisherige Tagesverlauf entspräche nicht den Erwartungen.

Wir haben eine Runde zu Fuß gedreht. Ich habe sie ein paarmal her zitiert, ihr bei einer dieser Gelegenheiten den Leinenzipfel entfernt und sie benahm sich mustergültig. Selbst von dem großen schwarzen Hund, der seine Gruppe verließ um sich die unsere genauer anzusehen, ließ sie sich ohne Zögern abrufen (Dante wollte es nur mit einigem Zögern, war er doch fast schon da…). Ich habe Achtgeben gespielt, indem ich die Runde andersherum lief, als die Hunde es erwarteten und als wir wieder gen Ortseingang kamen und die Pinscherin nur sehr zähflüssig den Rückweg zu meinem Bein antreten wollte, habe ich mich ebenfalls umgedreht und lief ein Stück entgegengesetzt – woraufhin die kleine Rakete natürlich postwendend angeschossen kam und gut aufpasste, welchen Weg zur Haustüre wir jetzt nehmen werden. Gemeinsam. Und ich habe wieder den gewählt, mit dem die Hunde am wenigsten gerechnet haben.

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